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Forscher mit Grenzwert: Kristian Debrabant

Kristian Debrabant wurde in Deutschland geboren und hat dort seine Ausbildungen absolviert. Er arbeitet seit 2011 am Institut für Mathematik und Informatik der Syddansk Universitet.

„Forscher mit Grenzwert“ ist eine Artikelreihe, in der wir Mathematiker vorstellen, die die deutsch-dänische Grenze überschritten haben. Dies ist der erste Artikel in der Reihe, für den wir Kristian Debrabant, Associate Professor an der SDU, interviewt haben. Kristian Debrabant wurde in Deutschland geboren und erkannte schon früh, dass sein Interesse der Mathematik gilt. Dennoch absolvierte er zwei Studiengänge – Mathematik und Physik:

„Ich bin Mathematiker und von Kindesbeinen an von dem Gebiet fasziniert – schon seit dem ersten oder zweiten Jahr der Grundschule. Ich interessierte mich sehr für Zahlen und spannende mathematische Aufgaben. Nach einer längeren Reise bin ich jetzt hier gelandet und sehr froh darüber.“

Obwohl er im Zeitraum von sechs Jahren ein jeweils 5-jähriges Diplomstudium der Mathematik und Physik absolvierte, war Mathematik immer Kristians Passion. Das Physikstudium war als Sicherheit gedacht und mit dem Mathematik-Studium ging er seiner forscherischen Neugier nach:

„Mathematik war immer etwas Aufregendes für mich. Aber nach dem Abitur war ich mir nicht sicher, ob ich dieses Fach beruflich nutzen kann. Deshalb dachte ich mir, dass es am besten wäre, beim Studium zweigleisig zu fahren: Mathematik, weil mir sie mir so gut gefällt, und Physik, weil sie praktisch anwendbar ist. Das war damals mein wohl etwas naiver Gedankengang.“

Obwohl Physik ihm als das im Berufsleben sinnvollere Fach erschien, arbeitete Kristian Debrabant während seines Studiums doch verstärkt mit abstrakterer Physik:

„Für meine Diplomarbeit in Physik beschäftigte ich mich mit etwas eher Abstraktem, einer Erweiterung der Einsteinschen allgemeinen Relativitätstheorie. Die Mathematik erwies sich als anwendungsorientierter: ‚Numerische Lösung von Differentialgleichungen‘.“

Dies bringt uns zu dem Thema, dass es in Dänemark nicht möglich ist, zwei verschiedene Studiengänge zu absolvieren: „Ich verstehe nicht ganz, warum man junge Leute davon abhält, mehr zu studieren, als unbedingt notwendig ist. In Deutschland durfte man so viel studieren, wie man wollte. Ich habe parallel zu den beiden anderen Studiengängen auch eine Zeitlang Informatik studiert.“

Kristian Debrabant wurde in Halberstadt geboren, eine Stadt, die im Harzvorland und in der Nähe von Magdeburg liegt. Auch Otto von Guericke, der für seine Experimente mit Vakuum bekannt ist, stammte aus Halberstadt. Kristian wuchs jedoch in der Lutherstadt Eisleben auf. Den ersten Teil ihres Namens verdankt die Stadt Eisleben dem am 10. November 1483 dort geborenen Martin Luther. Kristian Debrabant wuchs nicht nur in einer Stadt mit lutherischem Erbe auf, sondern studierte auch an der nach Luther benannten Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er erwarb hier zwei Diplome, und begann dort auch mit seinem Promotionsstudium:

„Ich habe in Halle mit meiner Promotion begonnen und wechselte dann an die Technische Universität Darmstadt, wo ich 8 Jahre beschäftigt war. Ich habe mich in Darmstadt beurlauben lassen, um als Postdoc in Leuven (einer belgischen Universität) zu arbeiten. Nach einem Jahr erhielt ich dann eine Vertretungsprofessur an der Universität Mannheim.“

In Deutschland können Einstellungsverfahren an Universitäten langwierig sein. Deshalb ist es normal, eine Vertretungsprofessur zu übernehmen. Anschließend erhielt er 2011 eine Stelle an der Syddansk Universitet:

„Ich bin in Dänemark gelandet, weil ich eine sehr interessante Stellenanzeige gelesen und mich beworben habe. Ich war sehr überrascht, wie herzlich man hier von Anfang an aufgenommen wird. Ich hatte mich auch auf Stellen in Deutschland beworben, und bemerkte einen erheblichen Unterschied.“

Kristian Debrabant wurde in dem Hotel, in dem er in Odense logierte, vom damaligen Institutsleiter (und derzeitigen Center Manager des LSUL, das sich an MatKult und MatOnline beteiligt), Claus Michelsen, abgeholt:

„Ich wurde den ganzen Tag herumgeführt und traf viele Menschen, die sich für mich interessierten und mir den Eindruck vermittelten, dass sie es gerne sähen, wenn ich (nach Odense) komme. In Deutschland läuft dies ganz anders ab. Dort wird man nicht abgeholt. Man sieht die anderen Bewerber (aus dem Raum des Vorstellungsgesprächs kommen) und dann hat man selbst zwei Stunden Zeit sich vorzustellen – da bleibt nicht mehr viel Raum für vertiefende Gespräche.“

Außerdem wurde Kristian Debrabant sehr schnell die Position eines Associate Professors angeboten, und zwar noch am selben Tag – und das ist in Deutschland nicht üblich: „Zwischen dem Abschicken meiner Bewerbung (an die SDU) und dem Beschäftigungsangebot vergingen rund zwei Monate. Das ist doch etwas zügiger als in Deutschland, wo man mit einem Jahr rechnen muss.“

Das aufrichtige Interesse und die herzliche Begrüßung überzeugten Kristian Debrabant sofort davon, dass er hier am richtigen Ort ist.

Den Unterschied zwischen dem Arbeiten und Lehren in Dänemark und in Deutschland schätzt er nicht als signifikant ein: „Ich hatte in Bezug auf die Studierenden zunächst den Eindruck, dass manche (in Dänemark) dazu neigen, schneller aufzugeben, wenn es schwierig wird. Ich habe auf diesem Gebiet natürlich keine wissenschaftliche Studie durchgeführt, aber ich konnte einige Erfahrungen (wie die oben genannten) sammeln. Im Allgemeinen kann ich keinen großen Unterschied erkennen. Allerdings ist die Art und Weise, wie man miteinander arbeitet, doch anders. In Deutschland geht es zumindest an einigen Orten recht förmlich zu, wohingegen man hier eine Kultur der guten Zusammenarbeit pflegt.“

Ein weiterer Unterschied ist, dass in Dänemark viele Dinge digital erledigt werden können: „Sämtliche administrativen Dinge (beim Umzug nach Dänemark) waren unkompliziert, zum Beispiel die Anmeldung usw. Vieles kann online erledigt werden. Das ist in Deutschland nicht möglich. Dort muss man häufig persönlich erscheinen.“

Heute erforscht Kristian Debrabant die numerische Lösung von Differentialgleichungen mit Schwerpunkt auf stochastischen Differentialgleichungen: „Eine der Anwendungen (für meinen Forschungszweig) ist oftmals der Finanzierungsbereich. Zum Beispiel: Was ist ein fairer Preis für eine Option oder wie lässt sich eine große Anzahl von Aktien optimal verkaufen?  Wenn man zu schnell verkauft, wirkt sich dies erheblich auf den Kurs aus. Wenn man zu lange wartet, kann sich der Kurs ebenfalls verschlechtern.“

Heute ist ein Teil von Kristian Debrabants Forschung eher theoretisch orientiert, aber er ist den Möglichkeiten für die Anwendung seiner Forschung gegenüber sehr aufgeschlossen. „Ich habe mit Forschern von TEK (der Technischen Fakultät an der SDU) im Bereich der Roboterforschung, mit Kollegen der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät an Wirtschaftsmodellen und mit Forschern der Institute für Biologie sowie Biochemie und Molekularbiologie zusammengearbeitet.“

Eines der angewandten Forschungsprojekte, mit denen er sich befasst, ist die Untersuchung der unbekannten Hepatitis-C-Population. Hier arbeitet er an der Vorhersage von verdeckten Zahlen bei dieser Krankheit mit. Ein Forschungsgebiet, das für die öffentliche Gesundheitspflege interessant ist, aber auch der neuen Strategie der SDU entspricht, ihre Organisation, Lehre und Forschung an den 17 UN-Zielen für eine bessere Welt auszurichten und von diesen leiten zu lassen.. „Hepatitis C ist ein Unterpunkt der UN-Ziele zur nachhaltigen Entwicklung und wird deshalb explizit genannt.“

Es war eigentlich keine große Umstellung, nach Dänemark zu ziehen, aber „… es gibt einige grundlegende Unterschiede im Hochschulsystem (zwischen Dänemark und Deutschland), z. B. ist das System in Deutschland demokratischer. Die Institutsleiter werden in Deutschland (unter den Mitarbeitern/Kollegen) für einen Zeitraum von beispielsweise zwei Jahren gewählt. Auch die Dekane werden gewählt, ebenso wie die Rektoren. Hier in Dänemark wird alles top-down geregelt. Der Rektor hat die volle Machtkompetenz und gibt einen Teil (dieser Macht) an die Dekane ab, die wiederum einen Teil davon an die Institutsleiter abgeben. Das muss man einfach wissen (und darauf vorbereitet sein), denke ich.“

Darüber hinaus ist Kristian Debrabant der Ansicht, dass es in Deutschland mehr Freiheit bei der Forschung gibt: „Eine Freiheit, die durch die Verfassung garantiert ist. In Dänemark ist es hingegen prinzipiell der Institutsleiter, der im Großen und Ganzen entscheiden kann, worüber geforscht wird. Dies wird hier bei IMADA in der Praxis nicht umgesetzt, und darüber bin ich sehr froh.“ Forschung und Lehre unterscheiden sich für ihn also nicht so sehr von dem, wie er dies in Deutschland gehandhabt hätte.

Kristian Debrabant lebt seit acht Jahren mit seiner Frau in Odense: „Ich lebe sehr gerne in Odense und finde es unglaublich, wieviel Mühe hier für die Gestaltung interessanter kultureller Aktivitäten, z. B. Festivals, aufgewendet wird. Man bemüht sich immer, in allen Bereichen das Beste zu geben.“

Sie sind beide Mathematiker und haben sich in Darmstadt kennengelernt. Kristians Ehefrau forscht in  Statistik und arbeitet derzeit an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der SDU.

„Ich wohne im Zentrum von Odense. Ich lebe gerne mitten in der Stadt, weil Einkaufsmöglichkeiten und kulturelle Angebote schnell zu erreichen sind. Die Stadt hat genau die richtige Größe (fast alles ist schnell erreichbar). Ich habe zuvor in Darmstadt gelebt, einer Stadt, die ungefähr gleich groß ist. Ich fühle mich hier sehr wohl.“

„Ich glaube nicht, dass ich mich stark verändert habe, aber wenn ich südlich der Grenze bin, muss ich aufpassen, dass ich nicht alle duze. Das ist gar nicht so einfach. Manchmal vergesse ich das und dann kann es vorkommen, dass ich verwunderte Blicke ernte. Man gewöhnt sich sehr schnell daran, mit allen per Du zu sein. Außer natürlich mit der Königin, aber die treffe ich ja nicht so oft.“

Dies gehört zu den Dingen, die er von der dänischen Lebensweise übernommen hat. Und wenn es – sehr selten einmal – vorkommt, dass er mit dem formellen dänischen „De“ angesprochen wird, ist es an ihm, sich ein wenig zu wundern.

Eine Übersicht über die Publikationen von Kristian Debrabant findest Du hier.

 

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